Muslime und Christen sind sich gar nicht so fremd

Veröffentlicht am 02.12.2011 in Arbeitsgemeinschaften

Ferhat Dag mit SPD-Senioren im Gespräch über Islam in Lehre und Praxis

Vieles, was islamischen Staaten und Islamisten angelastet wird, hat mit dem Islam nichts zu tun. Beim Treffen der Arbeitsgemeinschaft 60 plus des SPD-Kreisverbandes Heilbronn-Land informierte Ferhat Dag, Vorstand im islamischen Dachverband Heilbronn sowie im Integrationsbeirat Heilbronn, über den Islam, "eine Weltreligion wie Judentum und Christentum, die gemeinsame Wurzeln haben und auch den einen einzigen allmächtigen Gott, den Weltenschöpfer."

Mohammed, 570 in Mekka geboren, sei der letzte der 25 Propheten, deren Reihe von Adam über Noah, Abraham, Moses und Jesus reiche. Die ihm von Gott - Allah - zuteil gewordenen Offenbarungen seien unverbrüchlicher Inhalt des Koran, der aus 114 Suren (Kapiteln) mit 6000 Versen besteht und ihrer alleingültigen arabischen Form alle Aspekte des Lebens und über den Tod hinaus umfasse. Dem Muslim (= dem Friedensstiftenden) sei es aufgetragen, die im heiligen Buch enthaltenen Regeln zu befolgen, so auch die fünf Säulen (Pflichten): das Glaubensbekenntnis ("es gibt keinen Gott, außer Gott, und Mohammed ist sein Prophet ..."), täglich fünf mal beten, Almosen geben an die Bedürftigen, einmal im Leben die Pilgerfahrt nach Mekka (hadsch), Einhaltung des Fastenmonats Ramadan. Ferhat Dag zeigte auch auf weitere Gemeinsamkeiten des Islam mit der jüdisch-christlischen Lehre, neben dem Gebet das Engelwesen und insbesondere den Erzengel Gabriel, das jüngste Gericht sowie Himmel und Hölle.
Zu kritischen Anmerkungen in der Diskussion über Zwangsehen und Kopftuchtragen bemerkte Ferhat Dag, das seien keine islamischen Vorschriften. Den Frauen kämen die gleichen Rechte und Freiheiten zu. Seine Tochter etwa, die heute in Stuttgart Mathematik studiert, habe sich mit in der Pubertät aus freien Stücken entschlossen, Kopftuch zu tragen. Die Kopfbedeckung sei zu Mohammeds Zeiten im arabisch-jüdisch-christlichen Umfeld für "anständige" Frauen gang und gäbe gewesen; und das war ja auch bis ins vergangene Jahrhundert in manchen traditionsbewussten Gegenden Europas der Fall.
Ferhat Dag verwies darauf, dass sein Heimatland Türkei Religionsausübung verboten war, und die meisten aus Anatolien nach Deutschland gekommenen Gastarbeiter ungebildet waren und kaum Kentnisse des Islam hatten. In der Fremde fanden sie Halt in ihren überlieferten Bräuchen, die sich mit unzulänglichem Religionswissen vermischten. Ferhat Dag bekannte, dass der Koran zwar buchstabengetreu Gottes Wort enthalte, doch komme es auf die Auslegung an, die sich - wie auch in der christlichen Theologie - der Zeit anpassen müsse. "Mohammed und Jesu wären heute mit Laptop und Internet ausgestattet." Er bedauerte, dass es in der islamischen Welt keine letztverbindliche Glaubensinstanz, wie früher die Kalifen, gebe. Leider werde die Religion auch immer wieder für politische Zwecke verfälscht und missbraucht.
Ferhat Dags Wunsch wäre es, dass in Deutschland die Menschen mit unterschiedlicher Religion so friedlich und geschwisterlich miteinander leben würden wie im türkischen Antiochia, das er dieses Jahr als "Oase von Gläubigen" kennen gelernt habe.

Helmut Sauter

 

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